Projektbeschreibung

Am Helvetiaplatz wird vom 6 bis 11 August 2007 ein Bus aufgestellt, in dem sich der gesamte Besitz der Performerin Marina Belobrovaja befindet. Auch sie ist vor Ort anwesend. Auf einem grossen Plakat steht geschrieben:


"Schaffen Sie mich hier raus!"
"Sehr geehrte Damen und Herren, meine Aufenthaltsbewilligung läuft am 21 August ab. Leider besitze ich keinen Führerschein. Bitte, helfen Sie mir, mich rauszuschaffen, tun Sie etwas Gutes für Ihr Land!"

Welche Grenze (Frankreich, Deutschland, Italien oder Österreich) angesteuert wird, die Distanz und die Dauer der Fahrt sind den freiwilligen Fahrern und Fahrerinnen überlassen. An dem jeweiligen Ort, zu dem der Bus hingebracht wird, soll die Aktion fortgesetzt werden.

Im Anschluss an die "Abschiebung" wird Anfang September im White Club / Salzburg eine Ausstellung zur Aktion stattfinden.
Ausserdem wird die "Abschiebung" von Emma Nilsson / London durchgehend dokumentarisch begleitet.


25.06.2008


Die Videoarbeit - ÖFFENTLICHE ABSCHIEBUNG wird im Rahmen der von Lillian Fellmann kuratierten Ausstellung KUNSCHT ISCH GAENG ES RISIKO im September 2008 präsentiert. Die Arbeit basiert auf der im August 2007 durchgeführten gleichnamigen Aktion.
Das während der ABSCHIEBUNG von Emma Nilsson aufgezeichnete Videomaterial wurde hierfür in einzelne Begegnungsszenen und Gesprächsaufnahmen geschnitten und jeweils mit entsprechenden Datum und Uhrzeit versehen. Jegliche Zensur, oder dramaturgische Gewichtung wurden bei der Bearbeitung des Materials absichtlich vermieden. Die Videosequenzen werden vollständig in Form einer computergesteuerten Projektion nach Zufallsprinzip ausgestrahlt.

Hier einige Ausschnitte aus der Videoarbeit:


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Die Videoarbeit ÖFFENTLICHE ABSCHIEBUNG wurde anschliessend im Rahmen der Eidgenössischen Wettbewerbs für Kunst 2009 mit dem Swiss Art Award-Preis ausgezeichnet.
Zur Medienmappe der Eidgenössischen Kommission für Kunst

30.09.2007

A Short Project Description in English

“Public Deportation” is a project by performance artist Marina Belobrovaja whose contemporary residence permit in Switzerland expired on August 21st, 2007.

Between August 6th and 11th, 2007, one week before the expiration date of her residence permit, Belobrovaja parked a bus on the Helvetia Square in Zurich containing all her personal belongings. She attached a large poster to the bus with the following request:

“Please, deport me!
Ladies and Gentlemen, my residence permit is going to expire on August 21st. Unfortunately, I do not have a driving license. Please help to deport me, and do something beneficial for your country!”


For six days Belobrovaja was standing on the Helvetiaplatz, one of the main public squares in Zurich, and engaged passers-by and local residents in extensive discussions and conversations about her request. The respective border (France, Austria, Germany, Italy) as well as the distance and the duration of the trip were to be determined by the voluntary driver. She received three offers to deport her, none of them, however, was carried out.

The performance was non-stop documented by London artist Emma Nilsson. Numerous journalists and reporters from Zurich were actively involved and reported daily and on the spot about the performance (Tagesanzeiger, WOZ, 20 Minuten, Antidot, Radio Lora, Radio Energy Züri, Art-TV).


by Nicola Behrmann

26.08.2007

22 Stunden Videomaterial / Erste Sichtungen



















Im Verlauf der 6-tägigen Aktion sind 22 Stunden Videomaterial zusammengekommen. Der Rahmen, in dem die Aufnahmen veröffentlicht werden, steht noch nicht fest.
Eine erste Präsentation des Projektes in Form einer Diskussionsrunde fand am 7 September bei White Club in Salzburg statt. Als Grundlage für das Gespräch dienten Bildausschnitte und Zitate aus den gesammelten Videosequenzen sowie Zeitungsartikel. Hier einige Sequenzen aus den aufgenommenen Unterhaltungen:


Ich bin selber Ausländer und musste kämpfen. Einfach hier rumzusitzen und Kunstprojekte zu machen, das bringt nichts.

Die Aktion sollte viel pompöser gestaltet werden. Nur so erlangt sie die entsprechende Aufmerksamkeit.

Diese Bevölkerung hat ihre Reaktionsfähigkeit verloren.

Du forderst ein Gegenüber heraus, das es gar nicht gibt.

Provokation ist immer gut.

Abschieben? Haben Sie eine Vignette?

Das Gesetz kann ich ja nicht ändern. Aber ich finde die Aktion lustig und helfe gern! Der Weg ist das Ziel - sagt man ja.

Globale Verantwortung? Aber dann müsste man an der Ecke amnesty international unterschreiben, an der Ecke greenpeace, an der Ecke müsste man World Vision unterstützen. Die Menschen sind völlig überfordert.

Die Abstimmung war ja erst vor kurzem. Da habe ich verloren. Ich verliere halt immer bei Abstimmungen.

Man muss immer beide Seiten sehen. Wenn Leute ohne Papiere hier einreisen, dann sind genug darunter, die ihre Papiere selber wegschmeissen.

In der Schweiz hat man als Bürger die Möglichkeit, in die Politik einzugreifen. Das ist eine grosse Chance. Bei uns kann ich nur zwischen Parteien wählen.

Jedes Land bestimmt seine Gesetze eben selbst. Dem muss man sich fügen.

Die Lobbypolitik in der Schweiz macht mir Angst. Das ist ein Handel mit Stimmen und Interessen.

Macht- und Ressourcenverteilungsstrukturen haben ganz klar einen animalischen Ursprung. Es gibt Tierarten, die teilen alles und solche, die einander auffressen.

Das Land hier reicht für 4 Mio., damit man für jeden genug Platz hat. Jetzt sind es aber 7 Mio. geworden.

Das Wichtigste und das Spannendste an diesem Projekt ist die Wechselwirkung von Mitgefühl und Verantwortung.

Viele kommen her ohne Papiere und sagen, sie sind Flüchtling, brauchen Asyl und dann werden sie zu Verbrechern, gehen klauen, kassieren Gelder.

Die Kunst macht komische Sprünge.

Wieso protestieren Sie in der Schweiz und nicht in Ihrem Land?

In einigen Ländern herrscht noch die Todesstrafe.

Es gibt Leute, die her kommen und denken – so, jetzt kassiere ich mal. Arbeiten nicht, lassen sich unterhalten. Und wer zahlt das? Die Steuerzahler.

Die eigenen Probleme sind nie gelöst. Das ist die beste Ausrede, um sich niemals um die Anderen kümmern zu müssen.

Sogar wenn die Ausländer arbeiten wollen, die Arbeit, die liegt ja nicht auf der Strasse. Heute gibt es nicht mehr so viel Arbeit wie vor 20 Jahren.

Natürlich gibt es den permanenten Konflikt des Ideellen mit dem Realistischen, dem Konkreten.

Diese Misere, in der die Leute stecken, sobald sie Stellung beziehen müssen, das ist ein Schauder, der auch mir über den Rücken läuft. Die Aktion trifft da so etwas wie den Kern jeglicher linker Diskussion, die so, sagen wir höflich, zerbrechlich ist.

Und manche kommen aus Ländern, wo man denkt, dort gäbe es so viel zu tun, nur schon im Strassenbau oder andere Sachen.

Wenn man mich fragt, wo ich stehe, dann sage ich: mitte-links-rechts.

Wer hier sein will, der soll bleiben können.

Ich interessiere mich nicht viel für Politik. Als einzelnes Individuum kann ich nicht viel bewegen.

„Integriert“ finde ich kein schönes Wort, weil ich bin auch als Schweizer nicht wirklich „integriert“.

Mir fällt es extrem schwer, zwischen der Person und der Aktion zu unterscheiden. Ich will ja wissen, wie es bei Dir persönlich weiter geht.

Wenn ein Politiker vorbeikommen und sich für Dich einsetzten würde, müsste er das Gleiche für alle anderen tun. Und das ist nun mal nicht möglich.

Irgendwie sehe ich mich wie einen Sklaven dieser Gesellschaft. Ich arbeite für etwas, was ich gar nicht haben will. Mit meinen Steuern bezahle ich z.B. auch Deine Ausschaffung.

Menschen sind gut im Ignorieren, wenn’s nötig ist.

Ist es möglich, Dich als Person mit all deinen Sachen im Bus und das künstlerische Werk von einander zu trennen?

Also ich weiss nicht ob ich es will, dass einfach jeder kommen kann, wenn ich ganz ehrlich bin.

Fragen Sie doch rum. Es gibt so viele junge Leute, die Führerschein haben. Aber heute sind alle eben zu bequem geworden.

Man sagt mir: „Sie sehen ja gar nicht aus wie ein Schweizer“. Dann muss ich fragen: „wie sieht denn ein Schweizer aus?“

Die Gesellschaft ist so sehr mit alltäglichen Kleinigkeiten beschäftigt, dass ich nicht glaube, dass man sie für dieses abstrakte Thema nachhaltig sensibilisieren kann.

Abschiebung? Habe da noch keine Position, muss mir noch klar werden darüber.

In meinem Leben habe ich ein umgekehrtes Projekt gemacht – ein Kind aus Südamerika adoptiert.

Ich habe eine spirituelle Sichtweise auf das Leben. So lange ich nichts ausgrenze, gibt es für mich auch kein Problem.

Wir sind ein so kleines Land, haben selber genug Probleme. Wir können nicht für die ganze Welt verantwortlich sein. Es ist doch immer so, dass die Probleme der eigenen Familie zuerst gelöst werden müssen.

Wenn ich für Sie etwas tun kann, was mir nicht Weh tut und Ihnen gut tut, dann mache ich das und fahre Sie raus. Aber leider bin ich heute mit meiner Partnerin verabredet.

Ich bin mir nicht sicher, ob Sie am 21 wirklich gehen müssen. Vielleicht ist es ein Experiment, um rauszufinden, wie Menschen auf solche Angebote reagieren.

Ich sehe es in Ihren Augen, dass Sie rausgefahren werden wollen.

Die Ausländer leben ja eh alle vom Sozialamt.

Wohin soll man Sie denn ausschaffen, nach Jugoslawien?

Ich bin selbst Fürsorgeabhängig, also wenn Du die Kosten für die Rückfahrt übernimmst, mache ich das.

Die Anderen sollen ihre Misere selber verantworten.

Ich fahre ja nicht auf diese Politik ab, eigentlich, aber ich reise gern und könnte Dich rausfahren.

Du bist ja nicht schwarz, also kann es gar nicht so schlimm sein.

Bin ich jetzt Berichterstatter ausserhalb der Performance, oder ein Akteur innerhalb der Aktion?

Und? Noch nicht ausgeschafft?

Das hier ist eine moralische Pistole.

Ich kann Dich fahren – ist doch besser, als im Gefängnis zu landen.

Ich wünsche Dir gute Ausschaffungsangbote – Südfrankreich, Italien...

Die Menschen hier in der Schweiz sind so komisch verschlossen. Wenn ich meine Ausbildung abgeschlossen habe, bin ich hier weg.

Ich glaube, dass sie gehen will, aber die Aktion macht, um für das Thema zu sensibilisieren.

Rausschaffen? Nein, das möchte ja niemand machen.

Aber warum nicht einfach heiraten?

Ideale Welt? Ist eine sozialistische Welt.

So eine Aktion sollte man dort durchführen, wo die Befürworter der Ausschaffungspolitik wohnen, nicht in diesem Quartier, wo die Politik am tolerantesten in der Stadt Zürich ist.

Vielleicht kommt sie ja an einen Ort, wo es ihr besser gefällt? Es gibt sicher lebenswertere Länder als die Schweiz.

Die Sans Papiers sollen abfahren. Ich hab damit nichts zu tun. Jeder soll seine Probleme selber lösen.

Sie kann für ihr Leben eine Lösung finden, mit der sie irgendwie leben kann, wenn sie schon unbedingt hier bleiben möchte.

Es ist natürlich immer die Frage, wie Augenzwinkernd inszeniert man so etwas und dann, wie ernst es wird.

Heiraten? Das würde ich locker für jemanden machen, wenn es jemand ist, den ich kenne und der im Not ist.

Ich frage mich, wenn ich Dich ausschaffe, wäre das eine selbstlose Aktion, oder eine Selbstinszenierung? Oder auch, ob Du Dich inszenierst oder selbstlos handelst?

Ich würde zwar nicht meinen Körper verkaufen, aber wenn es nur aufm Papier ist... Das kann man ja keinem nachweisen.

Ich habe ja nichts gegen Ausländer. Ich bin ja selbst ein Ausländer. Aber jetzt ist langsam Schluss mit der Oase-Schweiz.

Du willst, dass jemand diese Kluft, diesen Widerspruch auf sich nimmt und sich dadurch zum „Ausschaffer“ macht.

Wenn sich das herumspricht, dass hier Ausschaffungen nicht gemacht werden, dann kommt ganz Afrika her.

Die Frage ist, wenn man Dich an die Grenze bringt, ob Dir damit auch tatsächlich geholfen wäre?

Bei der momentanen wirtschaftlichen Entwicklung, keine Ahnung, ob wir nicht bald brasilianische Zustände hier haben.

Wir leisten ja auch Entwicklungshilfe.

Ich habe schon immer davon geträumt, eine schöne Frau auszuschaffen.

Die, die hier schon lange sind, sollen auch bleiben. Aber die, die zu spät kommen, tja...

Ich find das einfach ermüdend, diese ganzen Kunstaktionen im Zentrum.

Am 21 musst Du hier raus. Du könntest alles, was hier war mit rüber nehmen. Aber ich würde an Deiner Stelle alles hier lassen und ein neues „Buch“ beginnen.

Aber wenn ich Dich jetzt nicht ausschaffen werde, geht die Aktion zu Ende. Und sie ist doch genial, ich will sie unterstützen!

Das stellt natürlich die Leute vor die Frage – was will ich für eine Verantwortung übernehmen?

Viele erlauben sich, eine edle Haltung zu haben, solang sie nicht persönlich betroffen sind.

Die ganze EU kommt jetzt her, kauft Häuser. Wie viele Deutsche allein schon da sind. Und es wird noch viel mehr Druck geben von aussen.

Du wendest die Waffen dieser Gesellschaft gegen sie selbst an und drehst den Spiess um.

Aber die Papierlosen finden ja auch immer wieder Lösungen. Sonst könnten sie ja gar nicht hier sein.

Eine gute Lösung wäre es, eine Ausschaffungstour durch die Schweiz zu machen, mit den Leuten auf den Gemeindeplätzen zu reden. Nur Helvetiaplatz – da weiss ich nicht, ob du da genug erreichst.

Die ganzen Gespräche, die Medienpräsenz. Vielleicht braucht diese Aktion wirklich einen Schnitt?

Du sprichst unsere Sprache, bist hier integriert, bist eine von uns. Aber wie geht man mit einem Flüchtling um, der keine Papiere hat, völlig traumatisiert und verunsichert ist und kein Wort Deutsch kann?

Ich vergleiche das immer mit den Affen. Die wachsen ja auf in Familien. Und wenn du nicht zur Familie gehörst, dann bist du halt draussen.

Die Migration ist ein grosses Problem, das wir weltweit haben. Da hat die Linke über Jahre hinweg eine romantische Haltung gepflegt.

Viele unsere Ängste sind uralt und stärker als unsere Bildung oder Kultur. Die Angst vor den Fremden gehört da auch dazu.

Von dem Problem der Ausgrenzung fühle ich mich angesprochen auch ohne ihre Aktion.

Wenn ich Sie jetzt persönlich bei Ihrer Abschiebung unterstützen würde, würde Sie das glücklich machen?

Ich finde das katastrophal, dass Menschen, die sich hier seit Jahren aufhalten, gut integriert sind, nach dem Gesetz gehen müssen.

Eine Politik, die grundsätzlich sagt, es gibt keine Ausschaffung, finde ich blauäugig.

Eigentlich beneide ich Dich fast ein bisschen. Du hast ein weisses Blatt Papier vor Dir.

Vielleicht müssten wir Dich schon ein bisschen verstecken.

Die Schweizer sind doch Opfer von ihren eigenen Regeln.

Ich hab ja eine Situation wie Du. Aber du weisst mindestens, wann Du gehst. Ich warte seit 3 Jahren auf eine Antwort.